Ogasawara Nagakiyo — der Gründer, dem man die Etikette nachträglich gab
Bogen, Pferd und Umgangsformen in einer Schule — der Bestand nennt das befremdlich. Die Auflösung ist, dass sie erst später zusammenkamen.
Inhalt
Überblick
Ogasawara Nagakiyo (5. März 1162 – 15. Juli 1242) war ein Samurai der späten Heian- und frühen Kamakura-Zeit und Stammvater des Ogasawara-Hauses. Minamoto no Yoritomo berief ihn als Lehrer für Bogenschießen und Reiten. Auf ihn führt sich die Ogasawara-ryū zurück, die bis heute existiert.
Der Artikel über Reigi stellt zu dieser Schule eine Frage und lässt sie offen: Die Ogasawara-ryū vereinigt drei Gegenstände, die westlich betrachtet nicht zusammengehören — Bogenschießen, berittenes Bogenschießen (yabusame) und reihō, die Lehre der Umgangsformen. Warum unterrichtet dieselbe Schule, wie man trifft, und wie man sich verbeugt?
Die Antwort ist, dass sie es ursprünglich nicht tat. Nagakiyo lehrte Bogen und Pferd. Die Etikette kam rund hundertdreißig Jahre nach ihm dazu, durch einen anderen Mann, aus einem anderen Anlass — und wurde später auf den Gründer zurückdatiert.
Was Nagakiyo tatsächlich lehrte
Yoritomos Berufung galt dem kyūba no michi, dem „Weg von Bogen und Pferd” — der stehenden Bezeichnung für die Kriegerausbildung dieser Zeit. Das ist eine militärische Aufgabe: Ein Kamakura-Krieger kämpfte beritten mit dem Bogen, und wer beides zugleich beherrschte, war die eigentliche Waffe des Heeres.
Bogenschießen und berittenes Bogenschießen gehören darin ohne Weiteres zusammen. Sie sind dieselbe Sache in zwei Lagen, und ihre Verbindung braucht keine Erklärung. Erklärungsbedürftig ist allein der dritte Gegenstand.
Wie die Etikette dazukam
Sadamune, 1292–1347
Ogasawara Sadamune war ein enger Verbündeter Ashikaga Takaujis und wurde von diesem mit der Hofetikette betraut. Das ist der Schlüssel: Nicht ein Bogenschütze entdeckte die Umgangsformen, sondern ein Amtsträger für Zeremoniell stand zufällig einer Bogenschule vor.
Sadamune verfasste das Shinden kyūhō shūshinron, das als klassischer Text des Kyūjutsu gilt, und brachte über seinen Lehrer Seisetsu Shōhō zen-buddhistische Übung in die Schule ein — ein Zug, der die Verbindung von Technik und Haltung später umso naheliegender erscheinen ließ.
Nagahide, 1380
Drei Generationen nach Sadamune schrieb Ogasawara Nagahide mit dem Sangi Ittō das erste Handbuch der höfischen Etikette der Schule.
Rechnet man nach, ist das Ergebnis deutlich: Zwischen Nagakiyos Tod (1242) und dem ersten Etikette-Handbuch der Schule liegen 138 Jahre. Der Gegenstand, für den die Ogasawara-ryū heute außerhalb Japans am ehesten bekannt ist, ist jünger als der Gründer, dem er zugeschrieben wird.
Die Zuschreibung, und was sie von anderen unterscheidet
Dieser Bestand führt eine Reihe rückdatierter Ursprünge: Bodhidharma für Shaolin, Yue Fei für gleich mehrere chinesische Stile, die Hwarang des Silla-Reichs für eine Kunst des 20. Jahrhunderts. Der Fall Ogasawara gehört dazu — aber er ist der harmloseste, und der Unterschied lohnt die Benennung.
| Erfundene Zuschreibung | Ogasawara | |
|---|---|---|
| Existierte die Person? | teils legendär (Bodhidharma), teils real, aber ohne Bezug (Yue Fei) | real, datiert, urkundlich als Lehrer berufen |
| Gab es die Linie? | oft nicht nachweisbar | durchgehend, namentlich, über Generationen |
| Was wurde rückdatiert? | die ganze Kunst | ein hinzugekommener Gegenstand |
Die Ogasawara-ryū behauptet keine Abstammung, die es nicht gibt. Sie hat eine, und sie ist gut belegt. Was zurückdatiert wurde, ist nicht die Schule, sondern die Selbstverständlichkeit ihres Zuschnitts — der Eindruck, Bogen und Benehmen seien von Anfang an eins gewesen.
Genau dieser Eindruck ist es, der die Frage im Reigi-Artikel erzeugt. Wer weiß, dass die Etikette über ein Hofamt hereinkam, findet den Zuschnitt nicht mehr rätselhaft, sondern erklärlich.
Der zweite Vorgang: aus einer Kriegerlehre wird ein Schulfach
Über Jahrhunderte stellte das Ogasawara-Haus die Etikettenlehrer der Shōgune. In der Meiji-Zeit wurde Etikette dann an Grundschulen unterrichtet — die Umgangsformen einer Kriegerkaste wurden zum Lehrstoff für alle Kinder.
Dieser Vorgang ist im Bestand nicht neu. Ankō Itosu brachte 1901 das Karate in die okinawanischen Schulen, und der Vergleich von Dō und Jutsu beschreibt, was dabei regelmäßig geschieht: Der Gegenstand wird breiter zugänglich und zugleich in dem, was er enthält, verändert. Was in der Schule ankommt, ist die Form; was dort nicht ankommt, ist der Zweck, für den die Form einmal da war.
Beim Karate lässt sich das an den Techniken zeigen. Bei der Etikette ist es unauffälliger, aber derselbe Schnitt: Eine Verbeugung, die einmal regelte, wie zwei bewaffnete Männer einander gegenübertreten, wird zur Anweisung, wie ein Kind den Lehrer grüßt.
Was gesichert ist und was nicht
Gesichert: Nagakiyos Lebensdaten, seine Berufung durch Yoritomo als Lehrer für Bogen und Reiten, Sadamunes Amt unter Takauji und seine Schrift, das Sangi Ittō von 1380, die jahrhundertelange Stellung des Hauses als Etikettenlehrer der Shōgune, der Grundschulunterricht der Meiji-Zeit.
Nicht gesichert: was Nagakiyo im Einzelnen unterrichtete. Aus dem 12. Jahrhundert liegt kein Lehrtext vor; was die Schule ihm zuschreibt, ist über spätere Generationen überliefert. Der Artikel behauptet deshalb nicht, Nagakiyo habe keine Umgangsformen gelehrt — ein Krieger im Dienst Yoritomos hatte selbstverständlich welche. Behauptet wird das Nachweisbare: Als eigener, benannter, schriftlich gefasster Lehrgegenstand erscheint reihō erst mit Sadamune und Nagahide.
Der Unterschied zwischen „er hat sich benommen” und „er hat Benehmen unterrichtet” ist genau der, an dem Zuschreibungen entstehen.
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