Bak Mei — der Stil, der nach dem Verräter benannt ist
Bak Mei trägt den Namen des Mönchs, der in der Legende Shaolin verriet. Belegbar ist der Stil ab einem Mann: Cheung Lai Chuen (1882–1964).
Inhalt
Bak Mei (白眉, kantonesisch Pak Mei, „weiße Augenbraue”) ist unter den südchinesischen Kampfkünsten ein Sonderfall: Es ist der einzige bekannte Stil, der nach einer Verräterfigur benannt ist.
In der Erzählung von der Zerstörung des südlichen Shaolin-Klosters gehört der Mönch Bak Mei zu den Fünf Ältesten — und er ist derjenige, der sich auf die Seite der Qing schlägt und das Kloster verrät. In derselben Erzählwelt gelten Hung Gar und Wing Chun als Künste der Widerstandsseite. Dass ein System sich nach der Gegenfigur benennt, ist bemerkenswert und wird in den Schulen unterschiedlich gedeutet.
Historisch greifbar wird der Stil an einem einzigen Punkt: Cheung Lai Chuen (張禮泉, 1882–1964).
Geschichte
Bak Mei stammt aus dem Umfeld der Hakka, der Bevölkerungsgruppe im Bergland um Huizhou in der Provinz Guangdong. Die Hakka-Systeme bilden eine erkennbare technische Nachbarschaft — kurze Distanz, feste Stände, Arbeit über den Unterarm — und Bak Mei gehört klar dazu.
Cheung Lai Chuen war zunächst in anderen Systemen ausgebildet, darunter Lee Gar und Lung Ying (Drachenstil), bevor er Bak Mei lernte. Was er danach tat, ist der eigentliche historische Vorgang: Er ordnete den Stoff zu einem Lehrsystem, gab ihm einen festen Formenkanon und unterrichtete ihn öffentlich — in Guangzhou und später in Hongkong, unter anderem im Umfeld von Militär und Polizei. Aus einer Überlieferung im engen Kreis wurde ein Stil mit Schulen, Schülern und Nachfolgern.
Für die Zeit vor Cheung Lai Chuen gilt, was für die meisten südchinesischen Systeme gilt: Die Linien werden mündlich überliefert, schriftliche Belege fehlen, und die Fünf-Ältesten-Erzählung ist eine Legende mit datierbarer Verbreitung, kein Quellenbefund. Das entwertet den Stil nicht — es verschiebt nur, was man über ihn behaupten kann.
Technische Grundlagen
Bak Mei ist ein ausgesprochener Kurzdistanzstil. Wer die südliche Grundhaltung kennt, findet sie hier in zugespitzter Form: Der Kampf findet auf Unterarmlänge statt, und die Kraft kommt nicht aus dem Weg, den die Faust zurücklegt, sondern aus dem Körper dahinter.
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| 吞吐浮沉 (tan tou fau cham) | schlucken, ausspucken, schweben, sinken — die vier Kraftrichtungen |
| Sechs Kräfte (六勁) | wie die Schulen sie angeben: Zähne, Nacken, Taille, Rücken, Hand, Schritt |
| Phönixaugenfaust | Faust mit vorstehendem Mittelfingerknöchel, kleine Trefferfläche |
| Brückenhände | Unterarmkontakt als Fühl-, Ablenk- und Schlagfläche |
| Geisterschritt (鬼步) | kurzes, tief geführtes Schrittwerk zum Distanzwechsel |
Das Begriffspaar schlucken und ausspucken beschreibt keine Atemtechnik im übertragenen Sinn, sondern die Bewegung des Rumpfes: Einziehen nimmt die Kraft des Gegners auf und verkürzt die Trefferfläche, Ausstoßen gibt sie zurück. Schweben und sinken ergänzen das um die Senkrechte. Zusammen ergibt das ein Bewegungsbild, das von außen klein aussieht und dessen Wirkung im Körperinneren liegt.
Kerntechniken
- Kurzfaust auf Unterarmlänge — der Schlag beginnt nicht im ausgestreckten Arm, sondern im bereits gebeugten
- Phönixaugenfaust — konzentriert die Wirkung auf eine kleine Fläche; verlangt eine trainierte Handstellung, sonst verletzt sie den Schlagenden
- Gleichzeitiges Ablenken und Schlagen — die eine Hand räumt, die andere trifft, im selben Takt
- Sinken in den Stand — Gewichtsverlagerung nach unten als Kraftquelle statt Ausholen
- Kurzes Schrittwerk — Distanzwechsel ohne große Verlagerung, damit die Nahdistanz erhalten bleibt
Die Formenreihe ist überschaubar und baut aufeinander auf; die bekannteste Grundform ist Jik Bo (直步, „gerader Schritt”), die das Prinzip in einfachster Anordnung durchspielt.
Verbindungen zu anderen Kampfkünsten
- Nanquan — der Sammelbegriff, unter den Bak Mei fällt; die Merkmale der südlichen Systeme sind hier besonders klar ausgeprägt
- Hung Gar und Wing Chun — dieselbe Legendenwelt, aber auf der Gegenseite der Erzählung
- Lung Ying (Drachenstil) und die südliche Gottesanbeterin — die engsten technischen Nachbarn im Hakka-Raum; Cheung Lai Chuen war im Drachenstil ausgebildet
- Tanglangquan — die nördliche Gottesanbeterin, trotz des ähnlichen Namens ein ganz anderes System
- Choy Li Fut — der südliche Gegenentwurf: weite Bahnen statt kurzer Distanz
Heute
Bak Mei wird vor allem in Hongkong, Guangdong und der chinesischen Diaspora unterrichtet, dazu in Europa und Nordamerika. Die Verbreitung ist deutlich geringer als bei Hung Gar oder Wing Chun, die Schulen sind entsprechend kleiner und die Linienzugehörigkeit spielt eine größere Rolle.
In das Wettkampf-Nanquan ist Bak Mei nicht eingegangen — was gut zu seiner Anlage passt: Ein Stil, dessen Wirkung in kaum sichtbaren Rumpfbewegungen liegt, hat in einer Disziplin, die auf Sichtbarkeit bewertet wird, strukturell schlechte Karten.
Wer einsteigt, sollte wissen, dass die Nahdistanz Voraussetzung und nicht Ergebnis des Trainings ist: Ohne Partnerarbeit auf Unterarmlänge bleibt vom Stil nur die Form.