Aikido — Der Weg der harmonischen Energie
Aikido ist eine japanische Kampfkunst, die auf Harmonie statt Gegenkraft setzt — gegründet von Morihei Ueshiba als Synthese aus Daito-ryu, Zen und Omoto-kyo.
Stilbaum
Inhalt
Aikido ist eine japanische Kampfkunst, die von Morihei Ueshiba (1883–1969) entwickelt wurde. Anstatt einem Angriff mit Gegenkraft zu begegnen, nutzt der Praktizierende die Energie des Angreifers und lenkt sie um — ohne ernsthafte Verletzung.
Morihei Ueshiba — O-Sensei
Geboren 1883 in Tanabe, Wakayama. Als kränkliches Kind entwickelte er einen tiefen Antrieb zur körperlichen Stärke. Er studierte Sumo, Jujutsu, Schwertkampf (Kenjutsu) und Speerkampf.
1915 begegnete er Sokaku Takeda, dem Großmeister des Daito-ryu Aiki-jujutsu — die technische Grundlage des Aikido stammt direkt aus dieser Schule.
1919 traf er Onisaburo Deguchi der Omoto-kyo-Gemeinschaft. Acht Jahre lebte er dort; die spirituelle Basis des Aikido entstand hier.
1925 erlebte er nach einem Übungskampf eine tiefe Erleuchtung: „Ein goldener Geist sprang aus dem Boden… Der Urgrund des Budo ist die göttliche Liebe.” Seine Kunst wurde weicher und philosophischer.
1942 wurde der Name „Aikido” offiziell eingeführt. Ueshiba starb am 26. April 1969, 85 Jahre alt.
Nach dem Krieg verbot die Besatzungsverwaltung die Kampfkünste; Ueshiba zog sich nach Iwama in der Präfektur Ibaraki zurück und arbeitete dort weiter. 1948 wurde das Verbot aufgehoben und die Stiftung als Aikikai neu eingetragen. Die Ausbreitung nach außen begann kurz darauf: 1951 reiste Minoru Mochizuki nach Frankreich — Aikido erstmals im Westen —, und 1953 schickte das Hombu Koichi Tohei nach Hawaii, wo er die ersten Dojos aufbaute. Das gilt als die förmliche Einführung des Aikido in den Vereinigten Staaten.
Technische Wurzeln
| Aikido | Daito-ryu | Prinzip |
|---|---|---|
| Ikkyo | Ippondori | Schulterkontrolle |
| Nikkyo | Kotezume | Handgelenkhebel innen |
| Sankyo | Makizume | Spiraldrehung |
| Kotegaeshi | Kotegaeshi | Handgelenkauswärtsdrehung |
| Shihonage | Shihonage | Vierrichtungswurf |
Kerntechniken
Irimi (入り身) — Eintreten in die Angriffslinie, aktiv, direkt. Tenkan (転換) — Rotierende Drehung aus der Linie, fließend, indirekt.
Kyō-Kontrollformen: Ikkyo · Nikkyo · Sankyo · Yonkyo · Gokyo
Wurfformen: Iriminage · Kotegaeshi · Shihonage · Kokyunage
Waffen: Bokken · Jo (127,5 cm) · Tanto
Philosophie
Ki (気) — Lebensenergie die aufgegriffen und umgelenkt wird.
- Mushin (無心) — Geist frei von fixierten Gedanken
- Fudoshin (不動心) — Innere Stabilität angesichts Bedrohung
- Zanshin (残心) — Anhaltende Aufmerksamkeit nach der Technik
„Wenn du meinst, Budō bedeute, Gegner und Feinde zu haben und stark genug zu sein, sie zu besiegen, dann irrst du. Der wahre Geist der Kampfkünste besteht darin, eins mit dem Universum zu sein und keine Feinde zu haben.” — Morihei Ueshiba, überliefert bei Kisshōmaru Ueshiba, Aikidō (1985)
Hauptstile
| Stil | Gründer | Jahr | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Aikikai | Kisshomaru Ueshiba | — | Weltgrößte Organisation |
| Yoshinkan | Gozo Shioda | 1955 | Schärfer, Polizeitraining |
| Shodokan | Kenji Tomiki | 1967 | Randori und Wettkampf |
| Iwama-ryu | Morihiro Saito | — | Waffen-Körper-Verbindung |
| Ki Society | Koichi Tohei | 1974 | Ki-Entwicklung im Fokus |
Verbindungen
- Judo — gleiche Jujutsu-Wurzeln; Kano und Ueshiba kannten sich
- Yoseikan Budo — der früheste Ableger, und er entstand fast gleichzeitig: Minoru Mochizuki (1907–2003) war von November 1930 bis August 1931 Ueshibas Uchi-Deshi und baute im November 1931 in Shizuoka sein eigenes Dojo. Er war zugleich direkter Schüler Kanos und Funakoshis — sein System verbindet Aikidō, Judo und Karate, während Ueshiba selbst noch am Aikidō arbeitete
- Hapkido — Geschwisterkunst durch Choi Yong-sul (ebenfalls Takeda-Schüler)
- Tai Chi Chuan — unabhängig entstanden, strukturell verwandt: Nachgeben, Qi, Kreisbewegung
- Daito-ryu Aiki-jujutsu — direkter technischer Vorläufer; Aikido ist sein meistgeübter Nachkomme
Heute — Verbreitung und Kritik
Aikido hat weltweit etwa 1,5 Millionen Praktizierende. Der Aikikai mit dem Hombu Dojo in Tokio ist die größte Dachorganisation und in über 80 Ländern vertreten. Weil es keinen Wettkampf gibt, gibt es auch keine Gewichtsklassen, keine Altersgrenzen und keinen Punkt, an dem man zu alt wird — das ist der Grund für die ungewöhnlich breite Altersspanne in den Dojos.
Der Einwand. Aikido wird geübt, indem uke den Angriff trägt und den Wurf annimmt. Das ist keine Nachlässigkeit, sondern Voraussetzung: Techniken, die auf Gelenke zielen, lassen sich gegen vollen Widerstand nicht wiederholt üben, ohne Gelenke zu beschädigen. Der Preis dafür ist eine bekannte Lücke — wer nur gegen mitgehende Partner übt, weiß nicht, was seine Technik gegen einen Gegner taugt, der nicht mitgeht. Die Frage ist so alt wie die Kunst und mehrfach öffentlich geprüft worden, mit gemischtem Ausgang.
Was dagegensteht. Die Trennung zwischen kooperativem Üben und der Kunst selbst wird in der Kritik oft eingezogen. Das Shodokan (Tomiki) kennt Randori und Wettkampf, das Yoshinkan ist Grundlage im japanischen Polizeitraining. Und die Teile, die unabhängig vom Widerstand des Partners funktionieren — Haltung, Distanz, Atmung, das Lösen aus einem Griff, die Fallschule — sind für sich genommen belastbar und ergänzen härtere Systeme gut.
Wer Aikido an dem misst, wofür es gebaut ist, misst richtig: an der Deeskalation, nicht am Ausgang eines Kampfes. Ueshiba hat den Maßstab selbst genannt, als er den Sinn des Budo in der Versöhnung suchte statt im Sieg.
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Weiterführende Literatur
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