Pangai-noon — der Name einer Übertragung, nicht eines Stils
Kanbun Uechis Weg nach Fuzhou ist genau datiert. Der chinesische Stil, den er mitbrachte, ist bis heute nicht identifiziert.
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Pangai-noon (半硬軟, „halb hart, halb weich”) ist der Name, unter dem Kanbun Uechi das unterrichtete, was er zwischen 1897 und 1909 in der südchinesischen Provinz Fujian gelernt hatte. Aus ihm wurde 1940 das Uechi-ryū, einer der drei großen Okinawa-Stile.
Der Artikel steht hier nicht, weil Pangai-noon ein weiterer Stil wäre, sondern weil er ein ungewöhnlich klarer Fall ist. Die Überlieferung von China nach Okinawa ist sonst durchweg vage — der Artikel Okinawa-Karate führt aus, dass sie einer Handelsroute und einer Standesordnung folgt und nicht einer Lehrerlinie. Bei Pangai-noon ist es anders: Es gibt einen Mann, ein Datum, eine Stadt und eine Ausbildungsdauer. Wenn sich irgendwo eine chinesisch-okinawanische Linie prüfen lässt, dann hier.
Und genau das ist der Befund dieses Artikels. Die Linie lässt sich prüfen — und sie hält auf der okinawanischen Seite und löst sich auf der chinesischen auf. Pangai-noon benennt keine chinesische Schule, sondern das, was ein Einzelner mitgebracht hat. Was heute unter dem Namen geübt wird, ist noch einmal etwas anderes: eine Rückrechnung aus dem Uechi-ryū, entstanden in den 1980er Jahren.
Die okinawanische Seite: außergewöhnlich gut belegt
Kanbun Uechi wurde am 5. Mai 1877 in Motobu auf Okinawa geboren und starb am 25. November 1948 auf Iejima. Sein Weg ist in Jahresschritten überliefert:
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1897 | geht mit 19 nach Fuzhou, Provinz Fujian |
| 1904 | erhält einen Lehrbrief |
| 1906 | eröffnet eine eigene Schule in China |
| 1909 | kehrt nach Okinawa zurück; Ausbildungsdauer rund 13 Jahre |
| 1924 | zieht mit 47 nach Wakayama (Japan) |
| 1926 | nimmt den Unterricht wieder auf, später als Pangai-noon-Karate-Akademie in Tebira |
| 1940 | Umbenennung in Uechi-ryū |
| 1946 | beendet den Unterricht |
Zwei Punkte daran sind unromantisch und deshalb glaubwürdig. Der Grund der Reise war die Wehrpflicht — Kanbun Uechi ging nach China, um der japanischen Aushebung zu entgehen, und erst in zweiter Linie, um Kampfkunst zu lernen. Und der Grund für die lange Pause war ein Todesfall: Ein chinesischer Schüler tötete bei einem Grundstücksstreit einen Nachbarn mit einer offenen Hand. Daraufhin hörte Kanbun Uechi auf zu unterrichten — für rund siebzehn Jahre. Beides sind Angaben, die niemand erfinden würde, der eine Gründungserzählung baut.
Kleiner Quellenvorbehalt, der Erwähnung verdient: Rückkehr und Unterrichtsbeginn werden nicht einheitlich datiert — für die Rückkehr finden sich 1909 und 1910, für Wakayama teils 1924 als Umzug und 1926 als Unterrichtsbeginn, teils beides zusammengezogen. Die Abweichungen liegen im Bereich eines Jahres und ändern nichts am Bild.
Die chinesische Seite: sie löst sich bei Berührung auf
In fast jeder Darstellung heißt Kanbun Uechis Lehrer Shū Shiwa — die japanische Lesung von Zhou Zihe (周子和, 1874–1926), einem Kräuterhändler und Kampfkunstlehrer in Fuzhou. Der Name steht in Stammbäumen, auf Urkunden und in praktisch jeder Schulgeschichte.
Er ist zugleich der Teil, der bei Nachprüfung nachgibt. Recherchen, an denen die Familie Uechi und der Wushu-Verband von Fuzhou 1984 beteiligt waren, kamen zu dem Ergebnis, dass Zhou Zihe möglicherweise gar nicht der eigentliche Lehrer war, sondern allenfalls Hilfslehrer. Die Stammbäume des Huzunquan (虎尊拳, Fujian-Tigerboxen) nennen stattdessen Zheng Xianji (郑仙纪) als Kanbun Uechis Lehrer. Zu Zhou Zihe selbst förderte dieselbe Recherche ordentliche Angaben zutage — geboren 1874 in Zhitian, aus einer Familie, die ihm Schul- und Kampfkunstunterricht einschließlich Waffen und Tigerboxen finanzieren konnte. Nur eben nicht die Rolle, die ihm zugeschrieben wird.
Der Wushu-Verband zog aus dem Abgleich der heutigen Uechi-ryū-Praxis mit mehreren Fuzhouer Linien einen weiteren Schluss, und er ist der eigentliche Kern dieses Artikels: Kanbun Uechi hat offenbar eigene Änderungen vorgenommen — das, was er später Pangai-noon nannte, entspricht keiner der dortigen Schulen genau.
Damit steht die Sache so: Belegt ist ein Aufenthalt in Fuzhou, belegt ist Fujian-Tigerboxen als Umfeld, belegt ist die Rückkehr mit einem eigenen Lehrsystem. Nicht belegt ist die Gleichung Pangai-noon = eine bestimmte chinesische Schule. Wer den Stil bei einem chinesischen Meister verortet, verortet ihn genau an der Stelle, an der die Quellen aufhören.
Der Name selbst ist ein Hinweis
半硬軟 — „halb hart, halb weich” — ist keine Bezeichnung, unter der in China eine Schule geführt würde. Chinesische Quellen kennen für das fragliche Umfeld Huzunquan, das Tigerboxen von Fujian. Das Wort, das auf Okinawa und in Japan zum Stilnamen wurde, ist auf der chinesischen Seite kein Stilname, sondern eine Beschreibung einer Arbeitsweise: hart im Treffer, weich in der Aufnahme.
Das erklärt zwanglos, warum sich keine chinesische Schule dieses Namens finden lässt. Man sucht nach einem Eigennamen und findet keinen, weil nie einer gemeint war. Es ist derselbe Fehlertyp, der im Bestand mehrfach vorkommt — bei Naha-te und Shuri-te sind es Ortsnamen, die für Schulen gehalten werden, hier ist es eine Eigenschaftsangabe.
Technische Grundlagen
Pangai-noon ist die Grundlage dessen, was heute im Uechi-ryū geübt wird; die technische Darstellung im Einzelnen steht dort. Für den Zusammenhang dieses Artikels zählen vier Punkte:
| Pangai-noon (Kanbun Uechis Bestand) | Uechi-ryū heute | |
|---|---|---|
| Kata | drei: Sanchin, Seisan, Sanseiryū | acht |
| Tierbilder | Tiger, Kranich, Drache | unverändert |
| Kernübung | Sanchin — Atmung, Stand, Körperspannung | unverändert |
| Konditionierung | Unterarme, Beine, Rumpf; Fingerspitzenstöße | unverändert |
Der auffälligste Zug ist die Dreizahl der Kata. Ein System mit drei Formen ist kein reduziertes System, sondern ein anderes Verständnis von Form: Die Kata ist nicht Lehrplan, sondern Übungsgegenstand, an dem jahrzehntelang gearbeitet wird. Zum Vergleich stehen bei den Shōrin-Linien zwanzig und mehr Kata.
Was die Kata-Namen verraten
Die fünf Kata, die das Uechi-ryū über die ursprünglichen drei hinaus hat, wurden nach Kanbun Uechis Tod von seinem Sohn Kanei und weiteren Schülern als Zwischenstufen ergänzt: drei zwischen Sanchin und Seisan, zwei zwischen Seisan und Sanseiryū.
Ihre Namen sind zusammengesetzt, und einer davon ist der beste Einzelbeleg dieses Artikels: Kanshiwa = 完 (aus Kanbun) + 子和 (aus Shiwa, also Zhou Zihe). Kanchin = 完 (aus Kanbun)
- 戦 (Kampf).
Daran hängt eine Beobachtung, die man leicht übersieht. Eine Kata, die den chinesischen Lehrer im Namen trägt, wurde auf Okinawa geschaffen, von Leuten, die ihn nie gesehen hatten — Jahrzehnte bevor die Recherchen von 1984 seine Rolle in Zweifel zogen. Der Name Shū Shiwa ist damit heute an einer Stelle fest verankert, an der er sicher hingehört (eine okinawanische Kata der 1940er/50er Jahre) und an einer, an der er es womöglich nicht tut (die chinesische Lehrerlinie).
1940: die Umbenennung
Die Umbenennung von Pangai-noon in Uechi-ryū erfolgte 1940; angeregt hatte sie bereits 1934 Kenwa Mabuni, der Begründer des Shitō-ryū. Die gebräuchliche Begründung lautet, das chinesische Wort sei in Japan nicht geläufig gewesen, und der Name habe zugleich Kanbun Uechi ehren sollen.
Beides ist plausibel. Als eigene Einordnung und nicht als Beleg gekennzeichnet: Das Jahr 1940 fällt in den Krieg zwischen Japan und China, und der Bestand kennt denselben Vorgang bereits einmal — 1936 wurde 唐手 „chinesische Hand” zu 空手 „leere Hand”, um die Anerkennung in Japan zu erreichen (siehe Okinawa-Karate). Ein chinesischer Stilname war in diesen Jahren eine Last. Dass die Umbenennung ausschließlich darauf zurückgeht, sagen die Quellen nicht, und dieser Artikel sagt es auch nicht.
Was heute Pangainoon heißt
Hier kommt die Wendung, die dem Namen seine heutige Bedeutung gibt. Nach den Abspaltungen, die das Uechi-ryū ab 1978 und verstärkt in den 1980er und frühen 1990er Jahren durchlief, nahmen mehrere Gruppen den alten Namen wieder auf — heute existieren Pangainoon, Pangainoon Karate, Pangainoon Kempō, Pangainoon-ryū und Pangainoon-jutsu nebeneinander, dazu das bekanntere Shōhei-ryū.
Wie sie den älteren Zustand herstellen, ist entscheidend und wird selten deutlich gesagt: durch Weglassen. Üblicherweise werden die fünf nach Kanbun Uechis Tod ergänzten Kata gestrichen, sodass die ursprünglichen drei übrig bleiben. Das ist ein nachvollziehbares und redliches Verfahren — aber es ist eine Rückrechnung aus dem Uechi-ryū, keine getrennt erhaltene Überlieferung.
Damit liegt hier dieselbe Lage vor wie bei Wudang: Was heute unter dem alten Namen geübt wird, ist eine Wiederbelebung aus dem 20. Jahrhundert, nicht eine ununterbrochene Linie. Der Unterschied ist, dass die Rückrechnung im Fall Pangai-noon von einem sehr nahen Ausgangspunkt aus erfolgt: Die drei Kata sind tatsächlich die drei Kata Kanbun Uechis.
Verbindungen zu anderen Kampfkünsten
- Uechi-ryū — die direkte Fortsetzung. Alles Technische im Einzelnen steht dort; dieser Artikel behandelt die Herkunftsfrage.
- Okinawa-Karate — der Rahmen. Pangai-noon ist der Sonderfall in diesem Rahmen: eine späte, einzeln zurechenbare Übertragung, während der Hauptbestand über Kumemura und die Tributgesandtschaften lief.
- Gōjū-ryū — die aufschlussreichste Parallele. Higaonna Kanryō war eine Generation früher in derselben Stadt, und beide brachten eine Sanchin zurück. Zwei getrennte Übertragungen aus Fuzhou, zwei Fassungen derselben Kernübung — und beim Gōjū-ryū ist die Zuordnung zur chinesischen Seite ähnlich unscharf.
- Hojo Undo — die Geräteübungen, die zu dieser Art von Konditionierung gehören.
- Shaolin Kung Fu — als Abgrenzung: Die südchinesischen Linien, aus denen das Okinawa-Karate stammt, führen nach Fujian, nicht nach Songshan. Die geläufige Gleichsetzung von „chinesischer Herkunft” mit Shaolin trägt hier nicht.
Heute
Wer Pangai-noon üben will, findet es in zwei Formen: als Uechi-ryū, das den Bestand unter anderem Namen fortführt, oder in einer der Gruppen, die den alten Namen führen und die fünf späteren Kata weglassen. Technisch liegen beide nah beieinander; der Unterschied ist eine Entscheidung darüber, was als der maßgebliche Stand gelten soll.
Für die Einordnung eines Angebots sind zwei Fragen brauchbar. Erstens: Wird die chinesische Herkunft als geklärt dargestellt? Sie ist es nicht — wer eine durchgehende Linie zu einem benannten chinesischen Meister behauptet, behauptet mehr, als die Quellen hergeben. Zweitens: Wird der heutige Pangainoon-Bestand als ununterbrochen überliefert dargestellt? Auch das trifft nicht zu; er ist seit den 1980er Jahren aus dem Uechi-ryū zurückgerechnet.
Beides ist kein Einwand gegen die Übung. Sanchin, die Konditionierung und die drei Kata sind das, was Kanbun Uechi tatsächlich unterrichtet hat, und sie sind seit 1926 ohne Unterbrechung weitergegeben worden. Unsicher ist die Vorgeschichte, nicht der Gegenstand — dieselbe Trennung, die im Bestand schon bei Haidong Gumdo und Subak zu ziehen war.
Verwandte Artikel
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