Matsumura Sōkon — die Wurzel der Shuri-Linie, und wo die Belege dünn werden
Fast jede Shuri-Linie führt auf ihn zurück. Selbst seine Lebensdaten sind umstritten — und er brachte japanische Schwertprinzipien nach Okinawa, nicht chinesische.
Inhalt
Überblick
Matsumura Sōkon (松村宗棍) war Leibwächter und oberster Kampfkunstlehrer dreier ryūkyūanischer Könige und gilt als die Wurzel des Shuri-te. Praktisch jeder moderne Karatestil, der sich auf diese Linie zurückführt — Shōrin-ryū, Shōtōkan, Shitō-ryū, Wadō-ryū — führt über ihn.
Zwei Dinge machen ihn für diese Enzyklopädie besonders interessant, und beide sind unbequem.
Erstens sind nicht einmal seine Lebensdaten gesichert. Er ist die Figur, an der die okinawanische Überlieferung anfängt, dünn zu werden — und zwar genau dort, wo alle Linien zusammenlaufen.
Zweitens verlief die Übertragung bei ihm nicht in die erwartete Richtung. Die übliche Erzählung über Karate führt von China nach Okinawa. Matsumura brachte japanische Schwertprinzipien mit.
Die Datierung — und eine Korrektur in eigener Sache
In der Literatur kursieren mindestens vier Varianten seiner Lebensdaten:
| Variante | |
|---|---|
| 1809–1901 | |
| 1798–1890 | |
| 1809–1896 | |
| 1800–1892 | |
| 1809–1899 | Grabtafel, von der Familie angebracht — Alter etwa 90 Jahre |
Die Grabtafel ist die beste verfügbare Quelle, weil sie von denen stammt, die es wissen mussten, und weil sie ein Gegenstand ist und keine Abschrift. Dieser Artikel folgt ihr.
Und in eigener Sache: Der Bestand dieser Enzyklopädie führte Matsumura bisher als 1797–1889. Diese Angabe gehört zu keiner der überlieferten Varianten und weicht von der Grabtafel um zwölf und zehn Jahre ab. Sie ist mit diesem Artikel korrigiert.
Ausbildung und Amt
Matsumura lernte bei Sakugawa Kanga, dem prägenden Lehrer des frühen Tōde. Überliefert ist, dass Sakugawa bereits alt und zunächst abgeneigt war, den Jungen aber annahm, weil er es dessen Vater versprochen hatte — fünf Jahre Unterricht.
Ab 1836 stand er im Dienst von König Shō Kō; er diente anschließend den beiden letzten Königen Shō Iku und Shō Tai und wurde oberster Kampfkunstlehrer und Leibwächter des Hofes. Sein Rang war Shikudon.
Vom König erhielt er den Titel Bushi — „Krieger” — in Anerkennung seines Könnens. Er ist bis heute meist als Bushi Matsumura bekannt.
Und derselbe Hof, dasselbe Ende
Der Bestand hält an anderer Stelle fest, dass Ankō Itosu Sekretär des letzten Königs war — desselben Shō Tai. Lehrer und Schüler standen also im Dienst desselben Hofes: der eine als Leibwächter, der andere als Schreiber.
1879 schaffte Japan die Monarchie ab. Damit verloren beide ihre Grundlage — und was Itosu danach tat, um für seine Kunst eine neue zu finden, ist der Gegenstand seines eigenen Artikels.
Die Richtung, die niemand erwartet
Matsumura reiste im Auftrag der königlichen Regierung — und zwar in beide Richtungen:
| Ziel | Was er dort tat |
|---|---|
| Fuzhou, Fujian | studierte Chuan Fa und weitere chinesische Kampfkünste |
| Satsuma, Japan | studierte das Schwertsystem Jigen-ryū |
Der zweite Punkt ist der bemerkenswerte. Matsumura war der Erste, der die Prinzipien des Jigen-ryū — einer Satsuma-Schwertschule, also einer Kenjutsu-Linie — in das ryūkyūanische Kobujutsu einführte. Auf ihn geht auch die Grundlage des Bōjutsu von Tsuken zurück.
Das läuft der üblichen Erzählung zuwider. Der Artikel Okinawa-Karate beschreibt die Überlieferung von China nach Okinawa als einer Handelsroute und einer Standesordnung folgend. Bei Matsumura kommt eine zweite Richtung dazu: Japan → Okinawa, ein halbes Jahrhundert vor der Japanisierung des 20. Jahrhunderts, und nicht als Vereinnahmung, sondern als dienstliche Reise mit anschließender Übernahme.
Er war Beamter eines Königreichs, das zwischen zwei Großmächten lag und zu beiden Beziehungen unterhielt. Seine Kampfkunst sieht genau danach aus.
Was von ihm überliefert wird
Kata, die auf ihn zurückgeführt werden: Naihanchi, Passai, Seisan, Chintō, Gojūshiho, Kūsankū. Das ist der Kernbestand des Shuri-te.
Schüler — und die Liste erklärt seine Stellung besser als jede Charakterisierung:
| Schüler | |
|---|---|
| Ankō Itosu | brachte Karate in die Schulen |
| Ankō Asato | der zweite große Lehrer der Shuri-Linie |
| Motobu Chōki und Motobu Chōyū | die Brüder aus dem Motobu Udun |
| Kentsū Yabu, Hanashiro Chōmo | die ersten Karatelehrer im Schuldienst |
| Chōtoku Kyan, Nabe Matsumura | Träger eigener Linien |
Ein Quellenvorbehalt gehört dazu: Manche Darstellungen führen auch Gichin Funakoshi als seinen Schüler. Der Bestand nennt für Funakoshi Azato und Itosu als Lehrer; eine unmittelbare Schülerschaft bei Matsumura ist damit nicht ausgeschlossen, aber auch nicht die Angabe, der dieser Bestand folgt.
Warum er der Punkt ist, an dem die Belege dünn werden
Die vorangegangenen Porträts dieser Reihe lassen sich nach der Beleglage ordnen, und Matsumura steht am unteren Ende:
| Beleglage | |
|---|---|
| Takeda Sōkaku | Gebührenbücher, Seminare einzeln nachweisbar |
| Kanbun Uechi | Weg in Jahresschritten überliefert |
| Ankō Itosu | Amtsdaten, ein datierter Brief von 1908 |
| Matsumura Sōkon | Amt und Titel belegt, die Lebensdaten nicht |
| Musō Gonnosuke | fast nichts |
Der Grund ist derselbe wie überall in diesem Bestand: Was verwaltet wurde, ist überprüfbar. Matsumuras Amt ist überliefert, weil ein Hof Ämter führt. Sein Leben ist es nicht, weil niemand es aufschrieb — und die Familie musste am Ende ein Grab beschriften, um es festzuhalten.
Verwandte Artikel
- Shōrin-ryū — die Linie, die er systematisierte
- Ankō Itosu — sein Schüler, Sekretär desselben Königs, und derjenige, der die Kunst in die Schulen brachte
- Chōki Motobu — ein weiterer Schüler, und die Gegenposition zur Verschulung
- Okinawa-Karate — der Zusammenhang, dessen übliche Richtung er umkehrt
- Okinawanisches Kobudō — dorthin brachte er die Jigen-ryū-Prinzipien
- Karate — der Überblick über die Stilfamilie, die auf ihn zurückgeht
- Kenjutsu — die japanische Schwertkunst, aus der Jigen-ryū stammt
- Shōtōkan — eine der Linien, die sich über Itosu auf ihn zurückführen