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England (London) ·1898–1903; Wiederentdeckung ab 2002 ·Edward William Barton-Wright (1860–1951)

Bartitsu — die Synthese hielt drei Jahre, ihre Teile ein Jahrhundert

Der früheste dokumentierte Mixed-Martial-Arts-Versuch, 1898 in London. Die Synthese hielt drei Jahre, ihre Bestandteile ein Jahrhundert.

Karikatur von Arthur Wallis Mills, 1910: Eine einzelne Frau steht vor einem Votes-for-Women-Plakat, um sie herum liegen und hängen mehrere Polizisten, weitere halten Abstand; Bildtitel The Suffragette that Knew Jiu-Jitsu
Wikimedia Commons, Public Domain
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Inhalt

Bartitsu ist der früheste dokumentierte Versuch, mehrere Kampfsysteme absichtlich zu einem zusammenzusetzen. Der englische Ingenieur Edward William Barton-Wright (1860–1951) kündigte ihn 1898 nach rund drei Jahren in Japan in London an; der Name ist ein Kofferwort aus Barton und Jujitsu. Der zugehörige Club bestand von etwa 1900 bis 1903.

Damit liegt die Sache rund hundert Jahre vor dem, was gemeinhin als Beginn des MMA gilt — und das allein wäre schon eine Notiz wert. Interessanter ist aber etwas anderes, und es ist die These dieses Artikels: Nicht die Synthese hat überlebt, sondern ihre Bestandteile. Der Club schloss nach etwa drei Jahren; die Lehrer, die Barton-Wright dafür aus Japan und der Schweiz geholt hatte, prägten den europäischen Kampfsport noch Jahrzehnte. Was sich vererbte, war nicht die Mischung, sondern die Übertragung.

Und ein Nachsatz, der zu schön ist, um ihn wegzulassen: Bekannt ist der Name heute vor allem durch einen Schreibfehler in einer Sherlock-Holmes-Erzählung.

Was Barton-Wright tatsächlich vorschlug

Zwischen 1899 und 1901 veröffentlichte er im Pearson’s Magazine eine Artikelreihe unter dem Titel „The New Art of Self Defence”. Seine eigene Definition von Bartitsu lautete Selbstverteidigung in allen ihren Formen — und genau das ist der Punkt, an dem die Sache über eine bloße Stilmischung hinausgeht.

Die Bestandteile sind benannt und nachprüfbar:

BestandteilHerkunft
JūjutsuShinden Fudō-ryū des Terajima Kuniichirō
JudoKōdōkan
Boxenbritisch
Savatefranzösisch
Stockkampf (la canne)Methode des Schweizers Pierre Vigny

Der Gedanke dahinter ist derselbe, den ein Jahrhundert später jeder MMA-Trainer formulieren würde: Ein Kampf durchläuft verschiedene Abstände, und ein System, das nur einen davon abdeckt, hat auf den übrigen nichts anzubieten. Barton-Wright war Ingenieur, kein Schüler einer Linie — er ging an die Sache heran, wie man ein Gerät konstruiert, aus Baugruppen mit definierter Funktion.

Der Club, und wer dort unterrichtete

Die Bartitsu Academy of Arms and Physical Culture — kurz Bartitsu Club — lag in 67b Shaftesbury Avenue in Soho. Die Besetzung ist der eigentliche Schatz dieser Geschichte:

  • Yukio Tani, bei seiner Ankunft neunzehn Jahre alt, und Sadakazu Uyenishi für das Jūjutsu. Zunächst kamen auch Kaneo Tani und Seizō Yamamoto, die aber bald nach Japan zurückkehrten.
  • Pierre Vigny, Schweizer Fechtmeister, für Stock und Savate.
  • Armand Cherpillod, Schweizer Ringer.

Der bemerkenswerteste Umstand daran wird meist überlesen: Barton-Wright hat die japanischen Lehrer über Briefwechsel mit Kanō Jigorō angeworben, dem Begründer des Judo. Der erste Mischkampfclub des Westens wurde also mit Unterstützung des Kōdōkan besetzt — vier Jahre bevor Kanō seinen Vertreter Maeda nach Übersee schickte.

Warum er scheiterte

Die letzten belegten Aktivitäten des Clubs sind Vorführungen und Wettkämpfe auf Tournee zwischen Januar und März 1902 — unter anderem an der Universität Cambridge, in der Oxford Town Hall und in der Mechanics Institute Hall in Nottingham. 1903 war der Club geschlossen.

Über den Grund gibt es keine Erklärung des Betreibers, sondern nur eine spätere und im Bestand als solche zu kennzeichnende Vermutung: Aufnahme- und Unterrichtsgebühren seien zu hoch gewesen. Das ist plausibel — Barton-Wright zielte auf eine wohlhabende Londoner Klientel — aber es ist eine Annahme, keine Quelle.

Was sich dagegen sagen lässt, ohne zu spekulieren: Eine Synthese ist teurer als ihre Teile. Wer fünf Systeme anbietet, braucht fünf Lehrer, und jeder einzelne von ihnen kann dieselbe Miete günstiger allein bestreiten. Genau das ist danach geschehen.

Was blieb: die Lehrer

Der Club war zu Ende, die Leute nicht. Und hier wird die These überprüfbar:

  • Yukio Tani blieb in Großbritannien und wurde über Herausforderungskämpfe auf Varieté-Bühnen zu einer der bekanntesten Figuren des frühen britischen Jūjutsu.
  • Sadakazu Uyenishi unterrichtete in seinem eigenen Dōjō am Golden Square und veröffentlichte 1905 ein Lehrbuch. 1908 kehrte er nach Japan zurück.
  • Pierre Vigny führte seine Stockmethode weiter; sie ist der am besten dokumentierte Teil des ganzen Komplexes.

Der Strang, der am weitesten trägt, läuft über zwei Namen, die in keiner Bartitsu-Werbung standen. Edith Garrud (1872–1971) begann 1899 gemeinsam mit ihrem Mann William bei Uyenishi und Tani zu trainieren. Als Uyenishi 1908 nach Japan zurückging, übernahmen die Garruds sein Dōjō am Golden Square. Edith Garrud wurde damit die erste britische Jūjutsu-Lehrerin und eine der ersten Kampfkunstlehrerinnen der westlichen Welt überhaupt.

1909 führte sie auf der „Women’s Exhibition” der WSPU Jūjutsu vor, richtete danach einen zweimal wöchentlich stattfindenden Selbstverteidigungskurs ausschließlich für WSPU-Mitglieder ein — beworben in deren Zeitung Votes for Women — und bildete schließlich die Leibgarde von Emmeline Pankhurst aus.

Damit ist die These belegt und zugleich zugespitzt: Der prominenteste Nachkomme des Bartitsu Club ist nicht eine Kampfkunst, sondern eine politische Bewegung. Vom Programm, das Barton-Wright verkaufen wollte, ist nichts übrig; von den Lehrern, die er anwarb, führt eine gerade Linie zu den Frauen, die 1913 Pankhurst gegen die Polizei schützten.

Der Name überlebte durch einen Tippfehler

1903, im selben Jahr, in dem der Club schloss, erschien Arthur Conan Doyles Erzählung The Adventure of the Empty House. Darin erklärt Sherlock Holmes, er habe Moriarty an den Reichenbachfällen mit „baritsu” überwunden — dem Namen ohne das erste t.

Diese eine falsch geschriebene Zeile hat für die Bekanntheit der Sache mehr getan als der Club in seiner gesamten Betriebszeit. Sie ist bis heute der Grund, warum die meisten Menschen das Wort überhaupt kennen, und sie prägt auch die Wiederentdeckung: Der Dokumentarfilm, der die Bewegung einem größeren Publikum vorstellte, heißt Bartitsu: The Lost Martial Art of Sherlock Holmes.

Das ist mehr als eine Anekdote. Es ist ein sauber dokumentierter Fall dafür, wie Kampfkunstwissen tatsächlich weitergegeben wird — nämlich nicht immer über Linien und Lehrbriefe, sondern manchmal über Populärkultur, und in diesem Fall über eine Schreibvariante in einem Kriminalroman.

Die Wiederentdeckung — und eine Grenze mit Namen

Die heutige Bartitsu-Bewegung beginnt um 2002; Tony Wolf trieb die Forschung und die Neuaufnahme voran. Im August 2005 erschien der von ihm herausgegebene Bartitsu Compendium, der die Geschichte aufarbeitet und einen technischen Lehrplan vorlegt; ein zweiter Band folgte im August 2008.

Der methodisch wertvollste Zug daran ist die Zweiteilung, die diese Bewegung ausdrücklich vornimmt:

  • Kanonisches Bartitsu — was sich aus Barton-Wrights eigenen Veröffentlichungen belegen lässt.
  • Neo-Bartitsu — was daraus und aus den Lehrbüchern seiner Mitarbeiter und deren Schülern weitergedacht wurde.

Das ist genau die Unterscheidung, die im Artikel zu HEMA als Prüfstein für seriöse Arbeit beschrieben ist — nur geht Bartitsu einen Schritt weiter: Es hat der Grenze zwischen belegt und erschlossen einen eigenen Namen gegeben. In einer Enzyklopädie, die bei Wudang, Subak, Haidong Gumdo und Pangai-noon immer wieder selbst ziehen musste, wo die Quelle aufhört und die Auslegung beginnt, verdient das ausdrückliche Erwähnung. Es ist der sauberste Umgang mit einer Lücke, der in diesem Bestand vorkommt.

Verbindungen zu anderen Kampfkünsten

  • MMA — dieselbe Grundidee, ein Jahrhundert früher und mit einem entscheidenden Unterschied: Bartitsu hatte keinen Wettkampf, der die Mischung geprüft hätte. Ohne diesen Filter blieb sie ein Lehrplan; MMA wurde erst durch das Turnier zu dem, was es ist.
  • Jūjutsu und Judo — der Hauptbestandteil, und über den Briefwechsel mit Kanō zugleich der erste organisierte Export japanischer Kampfkunst nach Europa.
  • Savate und Canne de Combat — die französisch-schweizerische Hälfte; Vignys Stockmethode ist der bestdokumentierte Teil.
  • HEMA — dieselbe Lage und derselbe Umgang damit: eine abgerissene Linie, aus Texten zurückgeholt, mit ausgewiesener Grenze zwischen Quelle und Auslegung.
  • Jeet Kune Do — der zweite berühmte Syntheseversuch, siebzig Jahre später und mit demselben strukturellen Problem: Eine Mischung, die an eine Person gebunden ist, überdauert diese Person schwer.

Heute

Bartitsu wird in einer überschaubaren Zahl von Gruppen in Europa, Nordamerika und Australien geübt, meist in der Nachbarschaft von HEMA-Vereinen und mit deutlichem Zulauf aus dem Umfeld historischer Interessen. Wer eine wettkampforientierte Kampfkunst sucht, ist hier falsch; wer eine gut belegte Selbstverteidigung des späten 19. Jahrhunderts rekonstruieren will, findet ein ungewöhnlich sauber aufgearbeitetes Feld.

Zwei Fragen helfen bei der Einordnung. Erstens: Wird zwischen kanonisch und neo unterschieden? Die Bewegung stellt dieses Werkzeug selbst bereit; eine Gruppe, die es nicht benutzt, verzichtet freiwillig auf ihren besten Vorzug. Zweitens: Wird der historische Rang richtig angegeben? Bartitsu war ein früher und interessanter Versuch, aber kein erfolgreicher — wer es als „das Original des MMA” verkauft, überzeichnet eine Linie, die es so nicht gibt.

Der Wert liegt woanders, und er ist beträchtlich. Bartitsu zeigt an einem in Jahreszahlen fassbaren Fall, wie eine Kampfkunst tatsächlich entsteht und vergeht: durch einen Unternehmer mit einer Idee, durch angeworbene Lehrer, durch Miete und Gebühren, durch einen Roman und durch Menschen, die Jahrzehnte später etwas ganz anderes damit anfangen, als der Gründer im Sinn hatte.

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Autor: Redaktion ·August 2026
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