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Europa (Heiliges Römisches Reich, Italien, England) ·Quellen ab ca. 1300; heutige Bewegung seit den 1990er Jahren ·keine; rekonstruiert aus datierten Handschriften und Drucken

HEMA — die Kampfkunst, die ihre Lücke zugibt

Die einzige große Kampfkunst, die sich nach einem Abbruch vollständig aus Texten zurückholt — und gerade deshalb die mit den besten Belegen.

Blatt aus dem Royal Armouries MS I.33, um 1300: zwei Paare mit Schwert und Buckler in Bindung, darüber lateinischer Text in roter und brauner Tinte
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Inhalt

HEMA steht für Historical European Martial Arts — die Rekonstruktion europäischer Kampfkünste aus ihren eigenen Lehrbüchern. Geübt werden vor allem das lange Schwert, dazu Schwert und Buckler, Messer, Dussack, Rapier, Ringen und Stangenwaffen. Die Quellen reichen von etwa 1300 bis ins 17. Jahrhundert; die heutige Bewegung gibt es seit den 1990er Jahren.

Zwischen diesen beiden Zahlen liegt eine Lücke von rund dreihundert Jahren, und sie ist der Grund, warum dieser Artikel im Bestand steht. HEMA ist die einzige große Kampfkunst, die sich nach einem nachweislichen Abbruch vollständig aus Texten zurückholt. Abgerissene Linien gibt es in diesem Bestand mehrere — beim Bartitsu 1903, beim Pradal Serey 1975 bis 1979. Der Unterschied ist der Abstand zur Quelle: Pradal Serey wurde aus überlebenden Übenden wiederaufgebaut, Bartitsu aus den Veröffentlichungen seines eigenen Gründers — keine hundert Jahre alt, und jeder seiner Bestandteile (Jūjutsu, Boxen, Savate, la canne) wurde ununterbrochen weitergeübt. HEMA holt sich aus Handschriften zurück, die bis zu sechshundert Jahre alt sind, und für das Langschwert gibt es überhaupt keine lebende Linie. Und HEMA ist die einzige, die den Abbruch offen ausspricht. Es gibt keine ununterbrochene Linie von Liechtenauer zum heutigen Verein, und niemand behauptet eine.

Daraus folgt eine Beobachtung, die den ganzen übrigen Bestand betrifft und die man beim ersten Hören für einen Fehler hält: Eine Kunst mit zugegeben unterbrochener Linie ist über ihre historische Technik besser belegt als die meisten Künste mit behaupteter ununterbrochener Linie. Der Grund ist banal. Wer eine Linie hat, muss nichts aufschreiben. Wer keine hat, hat nur das Aufgeschriebene — und das liegt hier in datierten, benannten, physisch vorhandenen Handschriften.

Was HEMA nicht ist

Drei Abgrenzungen, weil die Verwechslungen hartnäckig sind:

  • Nicht Sportfechten. Das olympische Fechten ist aus derselben europäischen Tradition hervorgegangen, hat sich aber über Jahrhunderte zu einem Sport mit eigenem Regelwerk entwickelt. HEMA geht zurück zu den Quellen vor dieser Entwicklung.
  • Nicht Reenactment oder LARP. Dort geht es um Darstellung. HEMA übt gegen Widerstand, mit Schutzausrüstung, und prüft, ob eine Auslegung funktioniert.
  • Nicht eine Kampfkunst, sondern viele. Zwischen dem Schwert-und-Buckler-Fechten um 1300 und dem Rapier des 17. Jahrhunderts liegen verschiedene Waffen, Zwecke und Länder. „HEMA” ist ein Sammelbegriff für die Arbeitsweise, nicht für ein System.

Die Quellen

Der Bestand an Fechtbüchern ist der eigentliche Gegenstand. Die wichtigsten Bezugspunkte:

QuelleDatierungInhalt
Royal Armouries MS I.33um 1300ältestes erhaltenes Fechtbuch überhaupt; Schwert und Buckler, aufgebaut auf sieben Huten (custodie)
GNM MS 3227a (Nürnberg)spätes 14. Jh.die früheste Aufzeichnung von Johannes Liechtenauers Zettel, dem Merkvers zum langen Schwert
Fiore dei Liberi, Fior di Battaglia / Flos Duellatorumbis 1409 fertiggestelltder früheste italienische Meister mit erhaltenem Handbuch; Ringen, Dolch, Schwert, Lanze, Kampf zu Pferd
Bologneser Schule (Manciolino 1531, Marozzo 1536)16. Jh.gedruckte Lehrbücher, breites Waffenspektrum
Joachim Meyer, Gründtliche Beschreibung der Kunst des FechtensStraßburg 1570eines der vollständigsten Systeme der deutschen Tradition

Ein Punkt daran verdient Betonung, weil er die Sache umdreht: Von Liechtenauer, dem berühmtesten Namen der deutschen Tradition, ist keine einzige eigene Handschrift bekannt. Was existiert, sind Aufzeichnungen anderer — beginnend mit MS 3227a. Sein Zettel ist zudem absichtlich dunkel gehalten, ein Merkvers für Eingeweihte, keine Anleitung. Die gesamte deutsche Tradition steht damit auf einem Text, der ohne Kommentar nicht zu lesen ist.

Was die Handschriften nicht sagen

Hier liegt die Grenze, und HEMA benennt sie in der Regel selbst — was in dieser Enzyklopädie ausdrücklich zu würdigen ist, weil es die Ausnahme bleibt.

Die Fechtbücher überliefern Huten, Hiebe, Stücke und deren Abfolge. Sie überliefern nicht: mit welchem Druck man bindet, wie schnell ein Tempo ist, wie genau der Fuß steht, wie hart getroffen wurde, was ein Meister mündlich ergänzte. Ein Bild zeigt eine Position, keinen Weg dorthin. Jede Umsetzung enthält deshalb Schlussfolgerung, und verschiedene Schulen kommen bei derselben Seite zu verschiedenen Ergebnissen.

Das ist kein Mangel der Bewegung, sondern ihre Lage — und der Umgang damit ist der Prüfstein. Eine Gruppe, die ihre Auslegung als die Auslegung ausgibt, behauptet mehr, als die Quelle hergibt. Eine, die sagt „so lesen wir diese Stelle, und daran würden wir merken, dass wir falsch liegen”, arbeitet sauber. Dasselbe Kriterium liegt dem Kata-Bunkai-Programm dieser Seite zugrunde, und es ist kein Zufall: Bunkai ist im Karate genau dieselbe Aufgabe — eine überlieferte Form ohne überlieferte Anwendung.

1487: der früheste datierte Fall eines bekannten Musters

Dieser Bestand beschreibt an mehreren Stellen denselben Vorgang: Eine gewachsene Praxis nimmt die Form an, die ihre Institution braucht — Qigong in den 1950ern, Changquan 1958, das Duanwei 1998, die Graduierungssysteme ab 1883.

Europa liefert dazu den frühesten datierbaren Fall im ganzen Bestand. Die Marxbrüder (Bruderschaft St. Marx), sicher bezeugt ab 1474, erhielten 1487 von Kaiser Friedrich III. das Monopol auf den Titel Meister des langen Schwerts — eine staatlich verliehene Alleinzuständigkeit für die Prüfung und Ernennung von Fechtmeistern. Sie trafen sich jährlich in Frankfurt und wählten einen Hauptmann.

Und es kam, wie es kommen musste: 1570 entstand in Prag mit den Federfechtern eine zweite Bruderschaft, 1575 von Frankfurt anerkannt — gegen den Protest der Marxbrüder —, und ab 1607 hatten beide gleiche Privilegien, nachdem Rudolf II. den Federfechtern ihren Privilegienbrief ausgestellt hatte.

Das ist vierhundert Jahre vor Kanōs Dan-Graden derselbe Vorgang in derselben Reihenfolge: eine Autorität verleiht das Recht, Meister zu ernennen; ein Konkurrent entsteht; am Ende koexistieren zwei Verbände mit gleichem Rang. Wer das Muster für eine ostasiatische Eigenheit hält, hat nur nicht weit genug zurückgeschaut.

Der Abbruch — und die Wiederentdeckung

Warum die Linie riss, ist unstrittig: Die Feuerwaffe machte das Schwert als Kriegsgerät entbehrlich, das Duell wurde eingehegt und schließlich verboten, und was vom Fechten blieb, wurde zum Sport. Die Bücher aber blieben liegen — in Bibliotheken, Archiven und Sammlungen.

Die Wiederentdeckung ist ungewöhnlich gut datierbar und hat nichts Mystisches an sich:

  • Viktorianische Vorläufer. Schon im späten 19. Jahrhundert gab es Versuche, alte Fechtweisen wiederzubeleben.
  • Patri Pugliese. Über Jahrzehnte sammelte er Fechtbücher, fotokopierte sie und verschickte sie per Post an Interessierte und Vereine. Vor dem Internet war das die Verbreitungsinfrastruktur der ganzen Sache.
  • 1992: ARMA wird gegründet und wird zum Vorbild für die Vereinsstruktur der Bewegung.
  • Ab Mitte der 1990er wird systematisch gearbeitet.
  • 2009: Wiktenauer, von Michael Chidester gestartet, sammelt die Quellen und Übersetzungen an einem Ort.

Der bemerkenswerte Zug daran: Die Bewegung hängt an der Zugänglichkeit der Quellen, nicht an Lehrern. Sie beschleunigte, als das Kopieren billig wurde, und noch einmal, als die Digitalisierung kam. Es gibt kaum eine zweite Kampfkunst, deren Wachstumskurve sich so direkt aus der Bibliothekstechnik erklären lässt.

Das Turnierproblem, live zu beobachten

HEMA hat inzwischen einen Wettkampfbetrieb, und damit einen Konflikt, den dieser Bestand aus mehreren Richtungen kennt: Ein Regelwerk erzeugt Technik. Das ist die These des Wurfprinzipien-Vergleichs, sie wiederholt sich beim Kosen-Judo und beim Freistilringen.

Der Unterschied ist, dass man es bei HEMA gerade jetzt beobachten kann, und dass die Beteiligten selbst darüber streiten. Verhandelt wird unter anderem:

  • der Nachschlag (afterblow): Ein Treffer, der nach dem eigenen Treffer noch ankommt, mindert die Wertung — der Versuch, das Risiko des Doppeltreffers ins Regelwerk zu holen.
  • Doppeltreffer überhaupt: In den Quellen ist das gleichzeitige Treffen ein Fehler, im Turnier muss es irgendwie gewertet werden.
  • der Vorrang (right of way), aus dem Sportfechten übernommen und deshalb umstritten.
  • ob Flachschläge zählen sollen.

Der Einwand der Kritiker ist präzise und nicht leicht zu entkräften: Ein Turnier belohnt, was Punkte bringt, und das muss nicht das sein, was die Fechtbücher lehren. Der Einwand der Gegenseite ist ebenso präzise: Ohne Widerstand bleibt jede Auslegung unüberprüft — dann hat man Kalligrafie statt Fechten.

Beide haben recht, und der Artikel löst das nicht auf. Es ist genau die Spannung, die in anderen Kampfkünsten längst entschieden ist, meist zugunsten des Wettkampfs und ohne dass es jemand bemerkte. Hier liegt sie offen auf dem Tisch, neben den Quellen, gegen die man sie prüfen kann.

Verbindungen zu anderen Kampfkünsten

  • Kenjutsu — der aufschlussreichste Vergleich. Die japanischen Schwertschulen haben, was HEMA fehlt: eine Linie von Lehrer zu Schüler. Sie haben dafür weniger, was HEMA hat: einen datierten Text, an dem sich prüfen lässt, ob die heutige Ausführung der alten entspricht. Zwei Wege zur selben Frage, mit gegensätzlichen Stärken.
  • Kendō — der Gegenpol: das, was aus einer Schwertkunst wird, wenn ein Wettkampfregelwerk sie vollständig übernimmt. HEMA steht heute an dieser Weggabelung.
  • Iaidō — die andere Antwort: Form ohne Gegner, mit allen Vorzügen und allen Zweifeln, die dazugehören.
  • Canne de Combat — der europäische Nachbar, der es anders löste: Er wurde zum Sport und behielt dadurch seine Kontinuität.
  • Graduierungssysteme im Vergleich — die Marxbrüder von 1487 sind der früheste Beleg für dessen These und in Europa zu finden, nicht in Japan.
  • Kata und Bunkai — dieselbe Aufgabe in anderer Sprache: überlieferte Form, nicht überlieferte Anwendung, und die Frage, wie man eine Auslegung prüft.

Heute

HEMA ist eine der am schnellsten wachsenden Kampfkunstbewegungen Europas und Nordamerikas, getragen von Vereinen, offenen Turnieren und einer ungewöhnlich schriftfreudigen Gemeinschaft. Der Einstieg verlangt Schutzausrüstung — Maske, Handschuhe, Jacke —, und die ist die Haupthürde: Sie kostet deutlich mehr als ein Gi.

Zwei Fragen helfen bei der Einordnung eines Vereins. Erstens: Mit welcher Quelle wird gearbeitet? Eine ordentliche Gruppe kann das benennen — Liechtenauer-Tradition, Fiore, Meyer, Bologneser Schule — und sagen, welche Übersetzung sie benutzt. Wo die Antwort „mittelalterliches Schwertkampf” lautet, ohne Text, ist es kein HEMA. Zweitens: Wird zwischen Quelle und Auslegung unterschieden? Der Satz „das steht so im Buch” und der Satz „so verstehen wir das” sind zwei verschiedene Sätze, und gute Trainer benutzen beide.

Der Wert dieser Kunst liegt am Ende nicht im Schwert. Er liegt darin, dass hier eine Gemeinschaft öffentlich vorführt, wie man eine Kampfkunst aus Quellen aufbaut, statt sich auf eine Linie zu berufen — mit allen Unsicherheiten, die dabei sichtbar bleiben. Für eine Enzyklopädie, die bei Wudang, Subak, Haidong Gumdo und Pangai-noon immer wieder dieselbe Lücke zwischen Erzählung und Beleg auszuweisen hatte, ist das der angenehmste Artikel dieser Reihe: Hier ist die Lücke schon zugegeben, bevor jemand fragen musste.

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Autor: Redaktion ·August 2026
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