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Korea ·1996 (Verband); Name seit 1998 ·Kang Jun (강준)

Gongkwon Yusul — die koreanische Kunst, die keine Ahnenreihe behauptet

1996 gegründet. Der Gründer nennt als erste Kunst seiner Ausbildung eine japanische — und genau das macht diesen Fall besonders.

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Inhalt

Überblick

Gongkwon Yusul (공권유술, 空拳柔術) ist eine koreanische Kampfkunst, die 1996 von Kang Jun begründet wurde. Sie verbindet Schlagtechniken im Stand mit Würfen, Hebeln und Bodenkampf und wird von ihrem eigenen Verband als „koreanisches Jiu-Jitsu” und „koreanische Form des Mixed Martial Arts” beworben.

Der Grund, warum sie in diese Enzyklopädie gehört, ist nicht ihre Technik. Es ist ihre Herkunftserzählung — genauer: dass sie keine hat.

Die drei koreanischen Künste, die dieser Bestand zuvor geprüft hat, berufen sich alle auf ein fernes Altertum: Hwarangdo auf das Silla des 6. Jahrhunderts, Haidong Gumdo auf Krieger Goguryeos, Kuk Sool Won auf die gesammelte koreanische Überlieferung.

Gongkwon Yusul beruft sich auf 1996 — und der Gründer beginnt die Aufzählung seiner eigenen Ausbildung mit einer japanischen Kunst.


Was der Gründer über sich selbst sagt

Kang Jun beschreibt seinen Weg in koreanischen Darstellungen so:

Er begann in der fünften Grundschulklasse mit dem Hakkō-ryū Yusul — dem japanischen Hakkō-ryū Jūjutsu (팔광류 유술, 八光流柔術) — und lernte danach Judo, Kumdo, Taekwondo, Hapkido, Kickboxen und Wettkampfsport.

Aus dem Vergleich zwischen „traditionellen” und „praktischen” Künsten, heißt es weiter, sei der Entschluss entstanden, ein eigenes System zu bauen.

Diese Selbstdarstellung ist bemerkenswert, weil sie nichts verschweigt. Sie nennt eine japanische Kunst zuerst, sie nennt einen Wettkampfsport, und sie datiert alles.

SchrittJahr
Gründung des Verbandes Daehan Gongkwon Yusul Hyeophoe1996
Einführung des Namens Gongkwon Yusul1998
Eintragung als rechtsfähiger Verband (sadan beopin)2005
erstes Dojang außerhalb Koreas (Brasilien)2006

Der Zweischritt 1996/1998 ist typisch und wird in Kurzdarstellungen meist eingeebnet. Zuerst existierte die Organisation, zwei Jahre später der Name. Wer nur „gegründet 1996” liest, verliert die Information, dass die Kunst zunächst noch keinen eigenen hatte.


Der Name sagt es auch

Die Zeichen sind 空拳柔術, und die zweite Hälfte ist der springende Punkt.

  • 空拳 (Gongkwon) — „leere Faust”: alles, was ohne Waffe geschlagen und getreten wird.
  • 柔術 (Yusul) — „sanfte Kunst”: Würfe, Hebel, Greiftechniken.

柔術 ist dasselbe Wortzeichenpaar wie das japanische Jūjutsu. Ein koreanischer Gründer wählt 1998 für seine neue Kunst genau den Ausdruck, den Japan für seine Greifkünste benutzt.

Das ist im koreanischen Bestand kein Einzelfall, aber es ist der offenste:

KoreanischZeichenJapanische Lesung
Hapkido (합기도)合氣道Aikidō
Yudo (유도)柔道Jūdō
Kumdo (검도)劍道Kendō
Yusul (유술)柔術Jūjutsu
Taekwondo (태권도)跆拳道

Taekwondo ist die Ausnahme, und sie beweist die Regel. Sein Name wurde 1955 mit einem Zeichen gebildet (跆), das im Japanischen nicht gebräuchlich ist — die Kunst sollte sich sprachlich absetzen. Gongkwon Yusul greift vierzig Jahre später wieder zum gemeinsamen Bestand.


Zwei Wege zurück zu demselben Mann

Und hier wird der Fall für diesen Bestand richtig interessant.

Kang Jun nennt zwei prägende Künste, und beide führen auf dieselbe japanische Schule:

Genannte KunstWegZiel
Hakkō-ryū JūjutsuOkuyama Ryūhō gründet 1941, ausgebildet im Daitō-ryū (u. a. kurz bei Takeda selbst)Daitō-ryū
HapkidoChoi Yong-sul bringt die Kunst nach 1948 nach KoreaDaitō-ryū

Beide Linien enden bei Takeda Sōkaku.

Das ist innerhalb weniger Artikel die dritte koreanische Kunst, deren Technik dorthin zurückführt — nach Hapkido selbst und nach dem Hwarangdo, dessen Gründer 1956 denselben Lehrer hatte wie das Hapkido.

Der Unterschied ist nicht die Herkunft. Der Unterschied ist, wer sie ausspricht.


Was die Kunst technisch ist

BereichInhalt
StandSchlagtechniken mit deutlichem Einfluss des westlichen Boxens, dazu Tritte
ÜbergangWürfe und Take-downs nach Judo-Art
BodenHebel und Kontrollpositionen, in der Nähe von Judo und BJJ
Hebel im StandGelenkkontrolle aus dem Hapkido-Bestand
Graduierungsieben Stufen bis zum Schwarzgurt (weiß, 5.–1. Gup, schwarz)
WettkampfAmateur-Wettkampfsport mit Stand- und Bodenphase

Die Zusammensetzung erklärt sich aus dem, was Ende der 1990er Jahre in der Luft lag. Der MMA-Artikel dieses Bestands beschreibt, wie in genau diesen Jahren die Vorstellung zusammenbrach, ein einzelnes System decke alle Distanzen ab. Gongkwon Yusul ist eine koreanische Antwort auf diese Lage: kein neues Prinzip, sondern eine bewusst gemischte Auswahl.

Der auffälligste Unterschied zum Hapkido liegt in den Händen und am Boden. Wo Hapkido die Hand überwiegend zum Greifen und Hebeln benutzt, schlägt Gongkwon Yusul boxerisch; und wo Hapkido den Bodenkampf traditionell knapp behandelt, macht Gongkwon Yusul ihn zu einem Hauptbestandteil.


Was daran koreanisch ist

Eine berechtigte Rückfrage: Wenn die Bestandteile aus Japan, Amerika und Brasilien kommen — was macht die Kunst dann koreanisch?

Die ehrliche Antwort ist: die Auswahl und der Ort. Es gibt kein Element, das nur hier vorkommt. Was es gibt, ist eine bestimmte Mischung, in Korea getroffen, in koreanischen Dojangs unterrichtet, mit koreanischer Terminologie und koreanischem Wettkampfbetrieb.

Genau das ist auch die Antwort für die meisten anderen Künste dieses Bestands, sobald man ihre Herkunftserzählungen abzieht. Das Karate kam aus China nach Okinawa, das Judo entstand 1882 aus mehreren Jūjutsu-Schulen, das Taekwondo aus koreanischen Schulen, die japanisches Karate unterrichteten.

Neu ist nicht das Verfahren, sondern die Offenheit darüber.


Heute — und die Kritik

Gongkwon Yusul wird in Korea in einer überschaubaren Zahl von Dojangs unterrichtet und hat seit 2006 Ableger im Ausland — Brasilien zuerst, später Australien, Spanien und die Vereinigten Staaten. Es ist keine große Kunst, und es beansprucht auch nicht, eine zu sein.

Der Einwand, den man erheben kann, betrifft die Vermarktung, nicht die Herkunft. „Koreanisches Jiu-Jitsu” und „koreanisches MMA” sind Werbebegriffe, die an bekannte Marken andocken; wer sie hört, erwartet unter Umständen das Regelwerk und die Wettkampfhärte des Vorbilds und bekommt eine Verbandskunst mit Gup-Graduierung.

Was man nicht einwenden kann, ist eine erfundene Ahnenreihe. Und das ist, nach drei Artikeln über koreanische Künste mit genau diesem Problem, bemerkenswert genug, um es festzuhalten.


Häufige Fehlschlüsse

„Gongkwon Yusul ist eine alte koreanische Kunst.” Sie ist von 1996, und ihr Name von 1998. Der Verband sagt das selbst.

„Koreanisches Jiu-Jitsu heißt, es ist brasilianisches Jiu-Jitsu auf Koreanisch.” Nein. Der Bodenkampf steht dem BJJ nahe, aber der Stand ist boxerisch und das Hebelwerk kommt aus dem Hapkido.

„Wenn die Bestandteile japanisch sind, ist die Kunst nicht koreanisch.” Nach diesem Maßstab wäre kaum eine Kampfkunst der Welt das, was ihr Name sagt. Entscheidend ist, ob die Herkunft benannt wird.

„Eine Kunst ohne Tradition ist weniger wert.” Das ist eine Geschmacksfrage, keine Tatsache. Die Prüfung, die dieser Bestand anlegt, ist eine andere: Stimmt, was die Kunst über sich erzählt.


Verwandte Artikel

  • Hapkido — die koreanische Basis des Hebelwerks, und derselbe Weg zurück ins Daitō-ryū
  • Hwarangdo — dieselbe technische Herkunft, aber mit einer Silla-Erzählung darüber
  • Haidong Gumdo — 1982 gegründet, berufen auf Goguryeo
  • Kuk Sool Won — der Anspruch, die gesamte koreanische Überlieferung zu bündeln
  • Daitō-ryū Aiki-Jūjutsu — wo beide von Kang Jun genannten Hebelkünste herkommen
  • Takeda Sōkaku — der Mann, bei dem beide Wege enden
  • Judo — die Wurftechnik, und 1882 selbst eine erklärte Auswahl aus mehreren Schulen
  • BJJ — der Bodenkampf, an dem sich der koreanische orientiert
  • MMA — die Lage der 1990er Jahre, auf die diese Kunst eine Antwort ist
  • Taekwondo — die Gegenprobe zum Namen: 1955 bewusst mit einem in Japan ungebräuchlichen Zeichen gebildet
  • Sibpalgi — die andere koreanische Kunst mit sauberer Datierung, nur zweihundert Jahre älter
  • Karate — dasselbe Verfahren, nur mit fünfhundert Jahren Abstand zwischen Import und Namensgebung
Autor: Redaktion ·August 2026
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