Hwarangdo — ein Kodex, der über Japan nach Silla kam
Die Hwarang gab es wirklich. Ihr Ehrenkodex entstand aber erst unter japanischer Herrschaft, als koreanisches Gegenstück zum Bushidō.
Inhalt
Überblick
Hwarangdo (화랑도) ist zweierlei, und die beiden Dinge werden fast immer verwechselt.
Das eine ist eine Jugendorganisation des Silla-Reiches aus dem 6. Jahrhundert, die es tatsächlich gegeben hat und die in koreanischen Geschichtswerken vorkommt. Das andere ist eine Kampfkunst, die 1960 in Seoul gegründet wurde und die für sich in Anspruch nimmt, deren Erbe fortzuführen.
Zwischen beiden liegt eine dritte Schicht, und sie ist die interessanteste: Der Begriff „Hwarangdo” im Sinne eines Kriegerkodex ist im 20. Jahrhundert entstanden — unter japanischer Herrschaft, als koreanisches Gegenstück zum Bushidō.
Damit ist dies der dritte Fall dieser Art im Bestand. Bushidō erreichte den Westen durch Nitobe 1900, Wu De durch Yang Jwing-Ming ab den 1980ern — beides moderne Fassungen alter Begriffe. Hwarangdo ist der Fall, in dem die Anleihe belegt und beabsichtigt war: Der Kodex wurde nach einer fremden Vorlage gebaut.
Was die Quellen über die Hwarang sagen
Die Hwarang sind keine Erfindung. Sie stehen in den koreanischen Geschichtswerken, und was dort steht, ist konkret genug.
Die Vorgängerin war weiblich. Zuerst gab es die Wonhwa (원화, „ursprüngliche Blumen”), geführt von zwei Frauen, Nammo und Junjeong. Junjeong brachte ihre Rivalin um, die Wonhwa wurden aufgelöst — und an ihre Stelle traten junge Männer.
Das Gründungsdatum ist unsicher. Die Einrichtung fällt in die Regierungszeit König Jinheungs (540–576); das Samguk Sagi nennt 576, das Tongguk Tonggam 540.
Was sie übten, nennen die Quellen ebenfalls: Reiten, Schwertführen, Bogenschießen, Speer- und Steinwurf, Ballspiel zu Pferd, Leiterklettern — und daneben die fünf konfuzianischen Tugenden, die sechs Künste, Dichtung, Musik und gemeinsame Reisen zu heiligen Bergen.
Die fünf weltlichen Gebote (Sesok Ogye, 세속오계) stammen vom buddhistischen Mönch Won Gwang, um 600: Treue zum König, Ehrfurcht vor den Eltern, Verlässlichkeit unter Freunden, kein Rückzug in der Schlacht, Zurückhaltung beim Töten. Von fünf Geboten ist genau eines militärisch.
Der berühmteste Hwarang ist Kim Yu-sin (595–673), der Feldherr, unter dem Silla die Halbinsel einigte.
Wie weit die Quellen entfernt sind
| Werk | Datum | Abstand zum Gegenstand |
|---|---|---|
| Samguk Sagi (삼국사기) | 1145 | rund 570 Jahre |
| Haedong Goseungjeon (해동고승전) | 1215 | rund 640 Jahre |
| Samguk Yusa (삼국유사) | um 1285 | rund 710 Jahre |
Die zeitgenössische Quelle ist verloren. Kim Taemuns Hwarang Segi (화랑세기) aus dem frühen 8. Jahrhundert wird von den späteren Werken zitiert, existiert aber nicht mehr. Ein Manuskript, das in den späten 1980er Jahren in Gimhae auftauchte und diesen Titel trägt, gilt der Fachwelt überwiegend als Fälschung; der Koreanist Richard McBride hat es ausdrücklich so eingeordnet.
Der Vergleich mit dem Nachbarartikel macht den Unterschied deutlich. Für die Kampfkünste des Joseon-Militärs liegt mit dem Sibpalgi ein gedrucktes Handbuch von 1790 vor: 24 benannte Methoden, jede mit Abbildung, dazu ein Anhang über abweichende Ausführungen. Für die Hwarang gibt es keine einzige Technik, keinen Namen einer Methode, keine Abbildung.
Was die Quellen nicht sagen
Sie sagen nicht, dass die Hwarang eine Kampfkunst hatten.
Der Unterschied ist kein spitzfindiger. Reiten, Bogenschießen und Schwertführen sind militärische Fertigkeiten — jede Armee der Zeit übte sie. Eine Kampfkunst im Sinn dieser Enzyklopädie ist etwas anderes: ein benanntes System mit Technikbestand, Lehrfolge und Weitergabelinie.
Davon steht in keiner Quelle etwas. Es gibt keinen Namen für ein System, keine Technikliste, keinen Lehrer und keinen Schüler, keinen Hinweis auf eine Überlieferung nach dem Untergang Sillas 935.
Das ist derselbe Befund, den dieser Bestand beim Subak hält: Die Erwähnung einer Übung ist nicht die Überlieferung einer Kunst.
Das Wort selbst
Hwarangdo wird in zwei Schreibweisen überliefert, und die geläufigere ist die unromantische:
- 花郞徒 — die Schar der Hwarang. Das Zeichen 徒 meint Gefolge, Anhängerschaft. Unter jedem Hwarang standen Nangdo (郎徒), Gefolgsleute aus dem niederen Adel und dem Volk, von einigen Dutzend bis zu mehreren Tausend.
- 花郞道 — der Weg der Hwarang. Dieselbe Organisation, aber als Lehre gelesen.
Die moderne Kampfkunst baut auf der zweiten Lesart auf. Das ist nicht falsch — beide Formen sind belegt —, aber es ist eine Wahl. Wer 徒 liest, bekommt eine Mitgliederliste; wer 道 liest, bekommt eine Doktrin.
Der Umweg über das Bushidō
Und hier kommt die Schicht, die in den meisten Darstellungen fehlt.
Das Bild der Hwarang als Kriegerkult ist im 20. Jahrhundert entstanden. Richard Rutt und Vladimir Tikhonov haben es beide so beschrieben: Die militärische Deutung setzte sich in der Zeit durch, in der die japanische Kolonialverwaltung das Bushidō propagierte, um die Kampfmoral ihrer Soldaten zu heben.
Der Begriff „Hwarang-do” wurde in dieser Lage geprägt — als Ausdruck dafür, dass die koreanische Geisteshaltung und das japanische Bushidō dasselbe seien. Das war Assimilationspolitik: Wenn Korea seinen eigenen Kriegerweg hatte, der zufällig aussah wie der japanische, dann fügten sich Koreaner umso leichter in ein japanisches Reich.
Und dann drehten koreanische Intellektuelle den Spieß um. Derselbe Begriff wurde zum Beleg einer eigenen, älteren, unabhängigen Tradition — zum geistigen Pfeiler gegen die japanische Vorherrschaft. Nach 1945 blieb er in dieser Funktion.
| Alter Kern | Heutige Fassung durch | Zweck der Fassung | |
|---|---|---|---|
| Bushidō | ja | Nitobe, 1900 | Japan dem Westen erklären |
| Wu De | ja | Yang Jwing-Ming, ab 1980ern | China dem Westen erklären |
| Hwarangdo | ja | Kolonialzeit, 1910–1945 | Korea und Japan gleichsetzen — dann: unterscheiden |
Der dritte Fall ist der unangenehmste, weil die Vorlage nicht nur Vorbild, sondern Herrschaftsinstrument war. Und weil das Ergebnis trotzdem als das Ureigenste gilt.
Die Kunst von 1960
Joo Bang Lee und sein Bruder Joo Sang Lee gründeten in Seoul die Kampfkunst Hwa Rang Do; der Verband nennt als Datum den 15. April 1960.
Die Herkunftserzählung des Verbandes lautet: Ab 1942, im Alter von fünf und sechs Jahren, seien die Brüder die einzigen Schüler des buddhistischen Mönchs Suahm Dosa gewesen, der die Hwarang-Linie gehalten habe. Bei dessen Tod 1968 habe Joo Bang Lee den Titel übernommen und sei damit der 58. Träger dieser Linie. 1969 und 1972 gingen die Brüder in die Vereinigten Staaten.
Daneben steht eine zweite Herkunft, und die ist belegt — vom Verband selbst:
Im Oktober 1956 erlangten die Brüder den Meistergrad im Dae Dong Ryu Yu Sool bei dessen Begründer Choi Yong-sool.
Dae Dong Ryu Yu Sool ist die koreanische Lesung von Daitō-ryū Aiki-jūjutsu. Choi Yong-sool ist der Mann, aus dessen Unterricht das Hapkido hervorging — und den dieser Bestand über das Daitō-ryū auf Takeda Sōkaku zurückführt.
| Behauptete Herkunft | Belegte Herkunft | |
|---|---|---|
| Lehrer | Suahm Dosa, Mönch | Choi Yong-sool |
| Datum | ab 1942 | Oktober 1956 |
| Kunst | Hwarang-Linie aus Silla | Daitō-ryū Aiki-jūjutsu |
| Nachweis | keiner außerhalb des Verbandes | Verbandschronik, Hapkido-Graduierungen |
Beide Angaben stammen aus derselben Quelle. Der Verband führt sie nebeneinander, ohne sie gegeneinander abzuwägen. Genau das ist die Stelle, an der ein Leser nachzählen muss: Eine der beiden Linien ist von außen prüfbar, die andere nicht.
Die Zahl 58 gehört in dieselbe Klasse wie Takedas „32. in der Linie”, die der Artikel zum Daitō-ryū bereits mit Vorbehalt führt. Eine durchgezählte Ahnenreihe über 1300 Jahre und einen Dynastieuntergang hinweg ist keine Angabe, die man prüfen kann — sie ist eine Behauptung in Zahlenform.
Was Hwarangdo technisch ist
Unabhängig von der Herkunftsfrage: Die Kunst ist umfangreich und in ihrer Zusammensetzung typisch für das koreanische Nachkriegsjahrzehnt.
| Bereich | Inhalt |
|---|---|
| Wurf und Hebel | Gelenkkontrolle, Würfe, Bodenkontrolle — die Daitō-ryū-Schicht |
| Schlag und Tritt | Hand- und Beintechniken, hohe Tritte |
| Waffen | Schwert, Stock, Seil, Wurfmesser und weitere |
| Innere Arbeit | Atem- und Energiearbeit, in der Terminologie des Ki |
| Graduierung | dreistufig — Tae Soo Do mit Gürteln, dann farbige Schärpen, dann schwarze Schärpengrade |
Die dreistufige Graduierung ist bemerkenswert, weil sie das Übliche verdoppelt: erst ein Gürtelsystem für die Grundstufe, dann ein zweites Schärpensystem darüber. Der Vergleich der Graduierungssysteme zeigt, wie jung solche Apparate durchweg sind — auch dieser.
Heute — und die Kritik
Hwarangdo wird heute vor allem von der World Hwa Rang Do Association in den Vereinigten Staaten verbreitet und ist in Korea selbst deutlich weniger präsent als Taekwondo oder Hapkido.
Der Einwand gegen die Kunst ist nicht, dass sie schlecht wäre. Ein System aus Daitō-ryū-Hebeln, koreanischen Tritten und Waffenarbeit kann gutes Training sein, und die Herkunft seiner Bestandteile ist nachvollziehbar.
Der Einwand betrifft die Erzählung. Wer eine Kunst von 1960 als Fortsetzung einer Jugendgruppe des 6. Jahrhunderts ausgibt, verlangt Vertrauen dort, wo Prüfung möglich wäre — und verstellt den Blick auf das, was tatsächlich geschah: dass koreanische Kampfkünstler nach der Besatzungszeit aus einem japanischen Technikbestand etwas Eigenes bauten. Das ist die interessantere Geschichte, und sie ist belegt.
Dasselbe Muster steht im Bestand bereits beim Haidong Gumdo — 1982 gegründet, berufen auf Krieger des 7. Jahrhunderts — und beim Kuk Sool Won.
Häufige Fehlschlüsse
„Die Hwarang waren eine Kriegerkaste.” Sie waren eine Jugendorganisation des Adels mit militärischer, religiöser und ästhetischer Seite. Kaste waren sie nicht, und ihre Mitglieder blieben es nur wenige Jahre.
„Die Hwarang hatten einen Ehrenkodex namens Hwarangdo.” Sie hatten die fünf weltlichen Gebote des Mönchs Won Gwang. Der Ausdruck Hwarangdo für einen Kriegerkodex ist im 20. Jahrhundert geprägt worden.
„Hwarangdo ist 1500 Jahre alt.” Die Organisation ist es. Die Kampfkunst ist von 1960.
„Die fünf Gebote sind ein Kriegerkodex.” Vier von fünf sind konfuzianische Alltagsmoral. Das fünfte, die Zurückhaltung beim Töten, ist buddhistisch und schränkt das Kämpfen ein, statt es zu verherrlichen.
„Der Bezug auf Silla ist unabhängig von Japan.” Er ist es gerade nicht. Die Deutung der Hwarang als Kriegerkult wurde in der Kolonialzeit ausgebaut, und zwar mit dem Bushidō als Vorlage.
Verwandte Artikel
- Haidong Gumdo — dasselbe Muster, zweiundzwanzig Jahre später und mit noch längerer Ahnenreihe
- Hapkido — dieselbe belegte Wurzel bei Choi Yong-sool, nur ohne die Silla-Erzählung
- Daitō-ryū Aiki-Jūjutsu — die Kunst, die im Oktober 1956 tatsächlich unterrichtet wurde
- Takeda Sōkaku — wo dieselbe Art durchgezählter Ahnenreihe schon einmal geprüft wird
- Taekwondo — die Kunst, die den Hwarang-Bezug am weitesten verbreitet hat
- Subak — derselbe Befund für einen älteren Namen: Erwähnung ist keine Überlieferung
- Sibpalgi — der Gegenfall: 24 benannte Methoden mit Abbildung und Datum
- Bushidō — die Vorlage, nach der der Kodexbegriff gebaut wurde
- Wu De — der chinesische Fall derselben Bauart, ohne den kolonialen Hintergrund
- Kuk Sool Won — der dritte koreanische Anspruch auf eine ununterbrochene Linie
- Taekkyeon — die koreanische Kunst, deren Weitergabe sich tatsächlich an einer Person festmachen lässt
- Vergleich der Graduierungssysteme — wie jung diese Apparate durchweg sind, dieser eingeschlossen
- Gongkwon Yusul — dieselbe technische Herkunft, nur 1996 und ohne Ahnenreihe
- Engolo — dieselbe Bauart einer Herkunftserzählung, gestiftet von einem einzelnen Maler